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Spitzengespräch 2026: Bessere Bildungschancen - (k)ein Lippenbekenntnis?!

Die Kommune am Steuer

Am 18. August 2026 fand im Gesellschaftshaus der BASF in Ludwigshafen unser 6. Spitzengespräch statt. Unter dem Motto „Bessere Bildungschancen – (k)ein Lippenbekenntnis?!“ diskutierten kommunale Spitzen mit Vertreter:innen aus Bildungwesen, Wissenschaft und Politik, wie Kommunen Bildungschancen aktiv gestalten können. Die Botschaft war klar: Wenn alle an einem Strang ziehen, lassen sich mit datenbasierter Steuerung, starken Netzwerken und frühkindlicher Förderung nachhaltige Erfolge erzielen.

Bildung als kommunale Priorität

Oberbürgermeister Prof. Dr. Klaus Blettner (Ludwigshafen) eröffnete die Veranstaltung mit einem klaren Appell: „Wichtig, aber nicht dringlich? Nein – in Ludwigshafen ist es wichtig und dringlich.“ Angesichts einer Migrationsquote von 57 % stehe die Stadt vor besonderen Herausforderungen. Gleiche Angebote führten nicht automatisch zu gleichen Chancen. Kommunen wie Ludwigshafen bräuchten daher individuelle Lösungen. Blettner unterstrich, dass Lippenbekenntnisse nicht mehr ausreichten. Stattdessen brauche es frühkindliche Bildung, datenbasierte Steuerung und eine verlässliche Finanzierung, die nicht von der Finanzkraft der Kommune abhängt. Er forderte Bund, Land und Kommunen auf, Bildung als gemeinsame Aufgabe zu begreifen.

Staatssekretärin Jenny Groß (Ministerium für Bildung Rheinland-Pfalz) knüpfte daran an. Gute Bildungspolitik brauche verlässliche Datengrundlagen und Menschen vor Ort, die diese umsetzen. Sprache sei der Schlüssel zur Welt, und Sprachförderung müsse vor dem Schulbeginn ansetzen. Ab 2028 solle das Instrument „Sprache im Alltag beobachten“ in Kitas eingeführt werden. Programme wie Familiengrundschulzentren, Startchancen-Programm oder First Class seien Bausteine für mehr Bildungschancen. Entscheidend sei dabei die Zusammenarbeit zwischen Staat, Eltern und Schülern. Die Erklärung der Bundeskonferenz kommunales Bildungsmanagement von Juni 2026 bringe es auf den Punkt: Gute Bildung vor Ort ist eine Aufgabe aller staatlichen Ebenen.

Wie sich Bildung ökonomisch rechnet!

Prof. Dr. Henning Hermes, stellvertretender Leiter des ifo Zentrums für Bildungsökonomik, lieferte die ökonomische Perspektive. Bessere Bildung lohne sich massiv. Die Umsetzung der drei Ziele des Papiers „Bessere Bildung 2035“ – 50 % weniger Kinder unter Mindeststandards, 20 % mehr Kinder, die die Regelstandards erreichen und 30 % mehr Schüler:innen in der Spitzengruppe – können das BIP in den nächsten 80 Jahren verfünffachen. Die  Verbesserung der Fähigkeiten von Kindern führe direkt zu mehr Wirtschaftswachstum. Entscheidend sei dabei der Fokus auf Bildungszugänge und -chancen. 

Das zeige sich besonders beim Kita-Zugang. Kinder aus bildungsfernen Familien profitierten mehr als andere vom frühzeitigen Besuch einer Kita. Allerdings scheitere der Zugang oft nicht am Platzmangel, sondern an Prozessbarrieren. Dazu gehören komplizierte Bewerbungsverfahren, fehlende Informationen, versteckte Bedarfen und  Diskriminierung. Eine Studie zeige, dass schon 90 Minuten Unterstützung pro Familie (z. B. durch Videos und das Angebot persönlicher Beratung) die sozioökonomischen Unterschiede bei der Kita-Bewerbung fast vollständig ausgleichen und bei der Inanspruchnahme mehr als halbieren. Das führe zu besseren Beschäftigungsmöglichkeiten für Mütter und zu einem Anstieg des Haushaltseinkommens um 10 %. Für Kommunen gebe es drei Stellschrauben zur Verbesserung des Kita-Zugangs: Zugang erleichtern, Angebot ausbauen und Platzvergabe zentralisieren. 

Ein weiterer Hebel für bessere Bildungschancen sind Mentoringprogramme wie RockYourLife, in denen Ehrenamtliche Jugendliche am Übergang von der Schule in den Beruf begleiten. Diese Programme seien kostengünstig, informell und besonders akzeptiert, da die Mentor:innen altersnah an der Zielgruppe seien. Nachgewiesen seien starke positive Effekte auf Matheleistungen, Zukunfts- und Arbeitsmarktorientierung. Die Ergebnisse von Begleituntersuchungen zeigten zudem, dass Jugendliche mit Mentoring ihre Chance auf einen Ausbildungsplatz verdoppeln könnten.

Nicht schon am ersten Schultag zu spät kommen

Sören Meng, Landrat des Landkreises Neunkirchen, präsentierte ein Projekt des Bildungsbüros Neunkirchen zur Sprachförderung. Durch kommunales Bildungsmonitoring wurde im Landkreis Neunkirchen eine Problemlage sichtbar gemacht, für die es kein Angebot gab: unzureichende Sprachkenntnisse bei Vorschulkindern ohne Kitaplatz. Das Bildungsbüro entwickelte gemeinsam mit Grundschulen, Gesundheitsamt, Jugendamt und KVHS ein passgenaues Sprachförderangebot. Die Ergebnisse waren beeindruckend: Die Gesprächsbeteiligung der Kinder stieg von 10 % auf 50 %, der Wortschatz von 10 % auf 55 %, das Verstehen von Anweisungen von 20 % auf 60 % und das Bilden von Sätzen von 10 % auf 80 %. Meng betonte, dass kein Kind am ersten Schultag das Gefühl haben solle, bereits zu spät zu kommen. 

Mit klaren Abläufen gegen Schulabsentismus

Mark Schlick, Amtsleiter des Amtes für Wirtschaftsförderung & Liegenschaften der Stadt Pirmasens präsentierte Maßnahmen der Stadt gegen Schulabsentismus vor. Seit Corona sei das Problem gewachsen, was oft zu Schulabbrüchen führe. Gleichzeitig fehle es Unternehmen an Auszubildenden und Arbeitskräften. Eine ämterübergreifende AG Schulabsentismus als Untergruppe der Bildungsallianz nahm sich des Themas an. Ein Fehlzeitenmonitoring erfasse Schüler:innen mit mindestens 20 Fehltagen pro Halbjahr. In Zusammenarbeit mit Schulen, Jugendhilfe und Schulaufsicht werde eine einheitliche Handlungsrichtlinie entwickelt, die klare Abläufe und Zuständigkeiten definiert. 

Von Bildungschancen zu Teilhabechancen

Neuwied ist die erste UNICEF-zertifizierte kinderfreundlichen Kommune in Rheinland-Pfalz. Bürgermeister Peter Jung stellte die Strategie der Stadt vor, mit der Kinder nicht als bloße Nutzer:innen kommunaler Angebote, sondern als eigenständige Rechtsträger:innen betrachtet werden. Denn Kinder wüchsen in einer Kommune auf und nicht in Zuständigkeiten. Unter dem Motto „Von Bildungschancen zu Teilhabechancen“ habe die Stadt einen neuen Blick auf kommunales Handeln entwickelt.. Basierend auf kleinräumigen Daten und Sozialmonitoring mache eine Präventionskette Bedarfe sichtbar und ermögliche es Entscheidungen faktenbasiert zu treffen. Ein zentrales Element sei die Bildungskarte, die Angebote sichtbar mache und Zugänge erleichtere. 

Der „Neuwieder Weg“ beziehe Kinder aus prekären Lebenslagen aktiv in Entscheidungen ein. Auch die Familiengrundschulzentren seien Teil der kommunalen Gesamtstrategie, die Bildung, Beratung, Gesundheit, Familienbildung, Teilhabe, Freizeit und Netzwerke verbinde. Jung fasste zusammen: „Erst der gemeinsame Blick auf Kinderrechte und Teilhabechancen hat dazu geführt, dass aus einzelnen Maßnahmen Schritt für Schritt ein kommunales Gesamtsystem geworden ist.“

Zum Aktionsplan Kinderfreundliche Kommune Neuwied

Kooperation macht den Unterschied

Das Spitzengespräch 2026 machte deutlich: Kommunen können Bildungschancen entscheidend verbessern – wenn sie datenbasiert handeln, Netzwerke schaffen und früh ansetzen. Die Beispiele aus Neunkirchen, Neuwied und Pirmasens zeigten, wie individuelle Lösungen, ämterübergreifende Zusammenarbeit und die Einbindung verschiedener Akteur:innen den Unterschied machen. 

Wie wichtig den kommunalen Spitzen eine kommunale Koordinierung ist, zeigte eine Stimmungsabfrage unter den Teilnehmenden. Eine überwiegende Mehrheit der kommunalen Spitzen stimmte der Aussage zu, dass kommunale Koordinierung die Bildungsarbeit vor Ort stärken kann.

Der abschließende Appell lautete: bessere Bildungschancen darf kein Lippenbekenntnis sein. Sie braucht langfristige Finanzierung, politische Unterstützung und das Engagement aller Beteiligten – von der Kommune bis zum Bund. Oder wie Staatssekretärin Jenny Groß bereits zu Beginn zusammenfasste: „Gute Bildung vor Ort ist eine Aufgabe aller staatlichen Ebenen.“

Die zentralen Thesen

Gemeinsame Ziele weisen den Weg.

Guten Entscheidungen brauchen Daten, Zahlen, Fakten und Wissen.

Koordination unterstützt und hilft in der Bildungspolitik.

Bildungschancen sind kommunale Zukunftspolitik

Impressionen der Veranstaltung

© Piotr Banczerowski / Regionalagentur RLP-SL

Benjamin Koltermann

Teamleitung Kommunikation und Veranstaltungen

Dr. Franziska Ziegelmeyer

Kommunale Beratung und Wissensmanagement

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